Liebe Schülerinnen und Schüler, Freundinnen und Freunde,
heute ist der 8. Mai. Der Tag der Befreiung. Der Tag, an dem der deutsche Faschismus militärisch zerschlagen wurde. Für mich ist das ein sehr persönlicher Tag!
Ich bin 1950 geboren. Um mich herum waren nur Erwachsene, die vom Krieg gezeichnet waren. Menschen, die alles verloren hatten. Menschen, die nie wieder über bestimmte Dinge sprechen konnten.
Wir haben in Ruinen gespielt. Zwischen Trümmern. Zwischen den Resten einer Gesellschaft, die geglaubt hatte, Krieg, Nationalismus und Größenwahn würden Deutschland groß machen.
Das Ergebnis: Millionen Tote. Verbrannte Städte. Konzentrationslager und industrialisierter Massenmord. Und eine Generation traumatisierter Menschen.
Deshalb haben die meisten meiner Generation etwas verstanden, das heute wieder vergessen werden soll:
Krieg ist keine Heldengeschichte. Krieg ist organisierter Wahnsinn.
Ich war bei der Bundeswehr, habe danach den Kriegsdienst verweigert und bin heute überzeugter Pazifist. Weil ich gesehen habe, wie junge Menschen darauf vorbereitet werden, auf andere junge Menschen zu schießen — auf junge Menschen, die sie gar nicht kennen.
Dieses Land hatte einmal einen gesellschaftlichen Konsens: Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. In den 70er Jahren gab es sogar Geschäfte, die freiwillig kein Kriegsspielzeug mehr verkauft haben. Heute dagegen bekommen 18-jährige wieder Fragebögen vom Verteidigungsministerium geschickt. Sie wollen wissen, ob ihr bereit seid, für sie zu sterben.
Ich bin, verdammt noch mal, empört!
Empört darüber, wie alte Männer plötzlich wieder von „Kriegstüchtigkeit“ reden. Empört darüber, wie man jungen und alten Menschen wieder Angst macht und gleichzeitig Milliarden in Waffen pumpt, während Schulen verfallen, Wohnungen fehlen und Krankenhäuser kaputtgespart werden.
Für Panzer und Raketen ist plötzlich Geld da. Für euch angeblich nicht.
Und wer verdient daran?
Rüstungskonzerne. Aktionäre. Menschen, die niemals selbst im Schützengraben liegen werden.
Erich Maria Remarque hat einmal gesagt:
„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“
Und Franklin D. Roosevelt sagte:
„Krieg bedeutet, dass junge Männer sterben und alte Männer reden.“
Genau das erleben wir wieder.
Diejenigen, die heute am lautesten nach Härte, Aufrüstung und Wehrpflicht rufen, werden euch niemals begleiten, wenn es ernst wird. Sie schicken immer zuerst die jungen Menschen!
Darum ist euer Protest heute richtig. Und wichtig.
Lasst euch nicht einreden, Pazifismus sei naiv. Naiv ist es zu glauben, man könne Faschismus mit Wegsehen verhindern. Naiv ist es zu glauben, Aufrüstung würde Frieden schaffen. Naiv war und ist es immer, den Menschen einzureden, Krieg sei alternativlos.
Die Überlebenden der Konzentrationslager haben nach 1945 geschworen:
Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg. Das gehört zusammen. Immer.
Denn Faschismus braucht Militarismus. Er braucht Feindbilder. Er braucht Angst. Er braucht Menschen, die lernen zu gehorchen statt zu denken.
Und genau deshalb müssen wir heute laut sein.
Für Frieden. Für Demokratie. Für Menschlichkeit.
Und gegen jede neue Generation von Kriegstreibern.
Die Zukunft gehört nicht den alten Männern mit ihren Großmachtfantasien.
Sie gehört euch.
Danke.

